Was wäre die menschliche Seele ohne den schwulen Körper? -
Schwule Körperorientierung in der Dialektik von Leib und Seele

Abstract/Zusammenfassung: Die Körperorientierung vieler Schwuler ist vor allem begründet in ihrer historischen Verfolgungssituation und der Kinderlosigkeit. Obwohl dies Mangelsituationen sind, haben die Schwulen daraus eine überdurchschnittliche Körperkompetenz entwickelt, durch die die Implikationen der von Christen geglaubten Menschwerdung Gottes im menschlichen Leben erst vollständig verwirklicht werden können und die der Gesellschaft insgesamt zugute kommt, weil sie bei Heterosexuellen nicht so stark ausgeprägt ist.

Die wiederum bei der schwulen Körperorientierung drohenden Einseitigkeiten können vermieden werden, wenn sie in eine dialektische Beziehung zum seelischen Aspekt menschlicher Existenz gebracht werden und damit zu allgemeinen ethischen Verantwortungsgrundsätzen und zur Unvergänglichkeit Gottes.

Wieweit die mit der modernen Menschenrechtsentwicklung zunehmende Emanzipation und Gleichberechtigung von Queers diese schwule Körperorientierung nivelliert, ist eine offene Frage der Zukunft.

- Vgl. die Einbindung dieses Themas in eine allgemeine, umfassende Theorie und systematische Philosophie (der Wirklichkeit) Christlicher Glaube und christliche Ethik unter Einbeziehung postmoderner Relativität, Kapitel 2.4.5.1..

Inhaltsverzeichnis


1. Die schwule Betonung des Körpers - eine Momentaufnahme
2.Zielrichtung dieses Artikels
3.Die Vergänglichkeit des Körpers und die Dauerhaftigkeit der Seele
4.. Der Körper als konstitutiver Aspekt Gottes und notwendiges Element gelungener menschlicher Identität
5.Die gewachsenen hetero- und homosexuellen Identitäten im Spiegel der gerade entwickelten Dialektik der Körperlichkeit
      5.1. Körper und Seele
      5.2. Körperliche Spontaneität und Verantwortung
6. Ausblick in die Zukunft
Anmerkungen

1. Die schwule Betonung des Körpers - eine Momentaufnahme

"Die Homosexuellen haben eben als Erste begriffen, dass sich auch ein Mann über sein äußeres verkaufen kann"(1), sagt der Zürcher Modedesigner Urs Aebi. Tatsächlich verfüge der schwule Mann über ein "überaus differenziertes Mode- und Körperbewusstsein" - mehr als der Heterosexuelle, der "ohne schlechtes Gewissen seinen Bierbauch unter einem fusseligen T-Shirt spazieren führte"(2). Es habe der "Schönheitskult des Mannes, eine der markantesten jüngeren Entwicklungen in der Massenkultur, .. in der Schwulenszene seinen Anfang"(3) genommen.

Schwule Körperorientierung ist in den eben zitierten Sätzen sicher klischeehaft verallgemeinert, aber es gibt noch weitere Indizien, dass die Grundaussage zutreffend ist. Die Beobachtung, dass unter den Friseuren, Modesignern (4), Tänzern, Schauspielern ein signifikant höherer Prozent als in der Gesamtbevölkerung schwul ist, unterstützt dies. Eine wissenschaftliche Umfrage kommt zu folgendem Ergebnis: Es "sind Schwule wesentlich körper- und gesundheitsbewusster als Heteros, achten dementsprechend auch mehr auf ihr äusseres."(5) Ein weiteres Ergebnis ist: Es "kochen .. 64 Prozent der Schwulen "sehr gerne", im Vergleich dazu heterosexuelle Männer nur zu 26 Prozent."(6)

Modische, schöne Kleidung, der Genuss eines wohlschmeckenden, schönen Essens, das Bemühen um einen attraktiven, schönen Haarschnitt, die gelungene, schöne Präsentation des menschlichen Körpers auf der Bühne, die Sorge um einen äußerlich-gepflegten, fitt-sportlichen und gesunden Körper sind alles materiell-körperliche Aspekte und auf materiell-körperlichen Genuss ausgerichtet. Und schließlich betrifft diese Beobachtung der Akzentsetzung auf den Körper auch einen Zentralaspekt der Körperlichkeit selbst, die Sexualität: "Ihr Bodykult lässt die Homosexuellen auch beim Sex immer wieder in Neuland vorstossen(!). Die Homos hantierten schon mit Sexspielzeugen, als in den Heti-Betten noch die Missionarsstellung happy machte"(7).

Obwohl man sich vor Klischees hüten muss und es einzelne Menschen mit gegenläufigen Verhaltensweisen bei Homo- wie Heterosexuellen (die zum Beispiel modisch gekleidet sind, sehr gerne kochen ....) gibt, dürfte es sich im Durchschnitt doch um eine Unterscheidung handeln, die mit der sexuellen Orientierung korreliert. Das bestätigt sich auch dadurch, dass manche homophobe Heterosexuelle die bei Homosexuellen festgestellte Körperlichkeit als "Sexbesessenheit" deuten, abwerten, was darauf hindeutet, dass sie schwule Körperlichkeit in starker Differenz zur eigenen Lebensweise erfahren.

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2. Zielrichtung dieses Artikels

Nun kann sich eine Ethik allgemein nicht - und eine christliche Ethik schon gar nicht - im Sinne einer Normativität des Faktischen einfach mit den beobachteten und beschriebenen Verhältnissen zufrieden geben, sondern es geht

Zugegebenermaßen werden der Notwendigkeit einer solchen kritischen Bewertung manche Queers nicht zustimmen. Die Ursache dafür ist aber vor allem eine aus dumpfer, traditioneller Homophobie gespeiste Kritik an schwuler Körperlichkeit mit irrationalen Moralvorstellungen, deren Unsinnigkeit manche Schwule am Sinn von Moral und sogar auch Ethik - leider - insgesamt zweifeln lassen. So trägt der irrational Konservative, wofür zum Beispiel das (stark zirkulär argumentierende, bei den Argumentationsvoraussetzungen axiomatische, also eine unvoreingenommenen Vernunft entbehrende und vom damaligen Kardinal Ratzinger mitverfasste) Papier des Vatikan zur Homosexualität steht (8), eine erhebliche Mitschuld, wenn ethische Maßstäbe fehlen oder aufgegeben wurden. Dagegen möchte ich in diesem Artikel gerade für solche reflektierten, modernen ethischen Maßstäbe werben.

Die folgenden Gedanken können nicht auf die ganz grundsätzliche Frage einer Begründung homosexueller Lebensweise im christlichen Kontext mit einer Diskussion der einschlägigen Bibelstellen ausgreifen, sondern beschränken sich auf das Phänomen schwuler Körperlichkeit und deren allgemeiner philosophisch-theologisch-ethischer Einordnung.

3. Die Vergänglichkeit des Körpers und die Dauerhaftigkeit der Seele

Schon in einer der fundamentalsten menschlichen Erfahrung wird deutlich, wie wichtig die Einordnung unmittelbar-individuell erlebter und genossener Körperlichkeit in einen überindividuellen Kontext ist: Es handelt sich um die Erfahrung der Vergänglichkeit des menschlichen Körpers wie alles Materiellen: klassisch drastisch und realistisch in Ps 103,15f (zitiert in 1.Petr 1,24) beschrieben: "Des Menschen Tage sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr." und bei Paulus in 2.Kor 4,16b: "wenn auch unser äußerer Mensch verfällt". Das bestätigt sich durch die Beobachtung, dass bei manchen Schwulen das Altern und die Erfahrung der Vergänglichkeit des eigenen Körpers ein größeres Problem darstellt als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Ein Lebensstil, der sich allein auf den eigenen Körper und seine Schönheit beschränkt, erlebt also an sich selbst die Krise und die Unvollkommenheit der eigenen Lebenshaltung, die nicht vorbildlich und nicht empfehlenswert sein kann. Hierin liegt sogar bei aller Einseitigkeit und Unwahrhaftigkeit ein Wahrheitsmoment der Kritik an Körperlichkeit.

Zwei weitere Überlegungen bestätigen die Fehlerhaftigkeit einer nur auf den Körper aufgebauten Lebensphilosophie: Es gibt Menschen denen dies nicht nur im Alter, sondern prinzipiell lebenslang unmöglich ist, nämlich schwer Körperbehinderten.

Der Körper als materielle Substanz kann auch deshalb nicht seinen Sinn allein in sich haben, weil die rein materielle Gestalt die Leiche ist, der wir ernsthaft nicht Schönheit und Attraktivität zusprechen. Der schöne Körper hat also eine über seine Körperlichkeit hinausgehende Dimension: die Dynamik des lebendigen Menschen, seine lebendige Seele, die durch den Körper hindurchstrahlt, sich des Körpers bedient.

So ist die Notwendigkeit einsichtig, nach etwas Weiterem zu suchen, was gerade der schönste Körper allein nicht leisten kann: nach dem Seelischen, Lebendigen, Beständigen, möglichst Unvergänglichen, Göttlichen. In den oben zitierten Bibelstellen finden wir eine Antwort: Ps 103.17 (ähnlich 1.Petr 1,25): "Die Gnade des Herrn bleibt immer und ewig bei denen, die ihn ehren." und 2.Kor 4,16c: "der innere (Mensch) wird Tag für Tag erneuert."

Die Beachtung und Pflege der inneren seelischen Dimension, die die äußerlich-sichtbare Körperlichkeit ergänzt, ist gerade wichtig bei der für den Körper zentralen Sexualität: Wer seine seelischen Empfindungen in die Sexualität einbringt und öffnet, der erlebt eben mehr als nur mechanisch-körperlichen Geschlechtsverkehr (der zum Beispiel für die Prostitution kennzeichnend ist), sondern eine tiefe menschliche Vereinigung und echte Lebendigkeit. Ihm steht mit seiner Seele auch eine Dimension zur Verfügung, die die erlebte Körperlichkeit über den Augenblick hinaus bewahrt, nämlich durch eine tiefere Verbundenheit, die nicht von einem permanenten "Prickeln", von einer in jedem Augenblick erlebten körperlichen Attraktivität abhängig ist. Hierbei ist auch das Erinnerungsvermögen der Seele wichtig, das gerade dann seinen Wert zeigt, wenn die Beziehung zum Partner zerbrochen ist oder der Körper gealtert ist, weil die Erinnerung der Seele die schönen körperlichen Erfahrungen der Vergangenheit aufbewahrt.

Der seelisch-geistige Aspekt hat in sich auch das Element der Allgemeinheit, die über den einzelnen Augenblick und das einzelne Individuum, den einzelnen Körper hinausgeht - im Unterschied zu einer Betonung des Einzelnen, die mit der Körperlichkeit verbunden ist (der einzelne Körper; die momentane Lust dieses einzelnen Individuums; die Gegenwart, dieser Augenblick, auch bei der Sexualität).

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4. Der Körper als konstitutiver Aspekt Gottes und notwendiges Element gelungener menschlicher Identität

Nachdem im 1.Kapitel die mehrheitlich schwule Konzentration auf den Körper beschrieben wurde und der 3.Abschnitt dies als unvollkommene Lebenshaltung beschrieb, soll nun im 4.Kapitel die Kritik an Körperorientierung selbst als einseitig und unvollkommen entlarvt werden.

Die zweifelsfrei feststehende Tatsache der Vergänglichkeit des Körpers und alles Materiellen führt nun in traditioneller, konservativ-mittelalterlichen Moral - gerade auch im Bereich der Religion - zu einer Negation der Körperlichkeit selbst, und diese richtet sich natürlich besonders intensiv gegen Menschen wie Schwule, die sehr körperbewusst leben. Diese Lebensmaxime bedient sich im Blick auf den Körper und fleischlich-materielle Lust eines Vokabulars, das durch Worte wie "verzichten", "abzulassen" (9), "loslassen", "aufgeben", "absterben", "Ich-Tötung" geprägt ist, oder macht jede körperliche Lust schlecht durch Sätze wie: "Weil der Körper sowieso verfällt, sollte man ihm überhaupt keine Aufmerksamkeit widmen und ihn verachten. Die Vergänglichkeit ist die Strafe für die Lust des Körpers und des Fleisches." ... Im Blick auf Queers wird die Totalenthaltsamkeit gefordert, was schon ein konservativer evangelischer Theologe wie Helmut Thielicke in den 60er Jahren kritisierte: "Eine ... Ordnungstheologie, die sich offenbar kaum durch eine seelsorgerliche Begegnung mit den Betroffenen hat in Frage stellen lassen ..., pflegt im Namen ihrer dogmatischen Axiome ... bloße Negationen auszusprechen." (10) Eine Verneinung "geschlechtlicher Selbstverwirklichung ... enthielte jedenfalls ein Maß an Härte, das man keinem "Normalen" auch nur entfernt zumuten würde." (11) Dementsprechend beschreibt Tilman Moser im Rahmen seiner eigenen Psychoanalyse rückblickend seine leibfeindliche Erziehung: "Wenn man im Glauben an die Sünde erzogen wird, muß man sich über das meiste schämen, was in einem vorgeht: Leibliches, die Triebe, die Gedanken, die Wünsche; .... freundlich hat der liebe Gott, diese gigantische Erziehungsmaschine über den Wolken, ... nie auf mich geschaut. ... Dreißig Jahre lang habe ich mich geschämt über mich, und dann fand ich einen, der die Scham milderte, in manchem hinfällig machte."(12)

Dabei enthält diese klassische Leibfeindlichkeit und damit einhergehend ein um so stärkerer Hass auf die schwule Körperorientierung in sich eine tiefe Unwahrheit. Sie behauptet, es sei die richtige ethische Lebenseinstellung, die Wahrheit/Gott gerade im Gegensatz zum leiblich-materiellen Bereich zu sehen, und wird durch diese Gegensatzposition gerade abhängig von ihr. Oft findet man diese Einstellung ganz konkret in der Verkündigung solcher Menschen, in der sie bis auf das leere, nicht konkret gefüllte Wort "Freude Gottes" wenig positiv zu bieten haben, aber zum Hauptinhalt ihrer Predigten die Herabwürdigung von Menschen machen, die sich ihres Lebens in fleischlicher Lust erfreuen. Damit wird der Glaube zum spaßverderbenden Gegenkonzept zu einer fleischlich-körperlichen Spaßgesellschaft und verspielt damit die Chance, Menschen durch den Glauben etwas Hilfreiches sagen zu können.

Auch auf der Ebene der Gotteslehre wäre dies eben im Hegelschen Sinne eine Vorstellung von Gott als dem "schlechten Unendlichen", der trotz seiner behaupteten Unendlichkeit gerade dadurch begrenzt ist, dass er im Gegensatz zum Endlichen bestimmt ist und dass damit das Endliche, Fleischlich-Körperliche, Materielle zu seinem Gegensatz und damit seiner Grenze wird. Der christliche Glaube an die Dreieinigkeit aber beinhaltet im Kern die Menschwerdung, Fleischwerdung, Körperwerdung Gottes in Jesus Christus. Damit ist Gott erst wirklich unendlich und absolut, weil das Endliche, Materielle, Körperliche nun keine Grenze Gottes mehr darstellt, sondern in ihm integriert ist. Damit ist der Körper selbst ein Aspekt Gottes.

Körperorientierung und das Bemühen um einen schönen Körper ist so auch eine göttliche, heilige Handlung. Nur mit der positiven Würdigung des Körper ist eine Philosophie und Theologie wirklich komplett, in sich stimmig und absolut. Wer also die (schwule) Körperorientierung insgesamt ablehnt, hat die Menschwerdung Gottes nicht verstanden.

Und umgekehrt leistet die schwule Existenz mit ihrer - in Kapitel 1 dargestellten - überdurchschnittlichen Körperbetonung einen wichtigen Beitrag für die Menschheit und nimmt teilweise eine Vorreiterrolle im Blick auf Körperbewusstsein und Schönheitsorientierung ein. Sie nimmt damit einen wichtigen Aspekt der Wahrheit des menschgewordenen, dreieinigen Gottes und des christlichen Glaubens wahr und trägt dazu bei, dass diese Wahrheit nicht in einem welt- und körperabgewandten Glauben verschüttet wird. In diesem Sinne könnte man etwas plakativ auf die Überschrift dieses Artikels antworten: "Die menschliche Seele braucht den schwulen Körper."

Diejenigen theologischen Positionen, die schwerpunktmäßig in Negationen auf die Körperorientierung reagieren, enthalten einen doketischen Aspekt in ihrem Glauben und ihrer Christologie, insofern sie nicht erkennen, dass Jesus Christus unseren normalen menschlichen Körper an sich trug, und sie werten aus dieser Fehleinschätzung jeden menschlichen Körper ab.

Unterstrichen wird dies noch dadurch, dass
- zum einen in der klassischen Dogmatik die vollkommene Schönheit eine Eigenschaft Gottes ist und in der Christologie immer auf die unendliche, göttliche Schönheit gerade auch des Körpers (und nicht nur der Seele) Jesu Christi Wert gelegt wurde (z.B. Origenes: "dass diese Seele ... einen Körper brauchte, der ... vorzüglicher als alle (anderen) war (τὴν ψυχή ... δεδεῆσθαι σώματος ... τοῦ πάντων κρείττονος )"(13)). Dementsprechend gilt dies nach biblischem Zeugnis auch für den vollkommenen Menschen im Paradies () der im Paradies der Vergangenheit (Hes(Ez) 28,12b.13a: "Du ... (warst) voller Weisheit und vollkommener Schönheit in Eden, dem Garten Gottes. (אתה ... מלה חכמה וכליל יפי: בעדן גן־אלהים)") und der Zukunft (Gottes neuer Welt in der kommenden Ewigkeit):
- der Christ also zum anderen dem Körper eine Bedeutung, Bewahrung und Vollendung in der Ewigkeit zuschreibt, insofern er an die leibliche Auferstehung glaubt (1.Kor 15,44; Röm 8,21).

Auch in den verschiedensten Epochen der Philosophiegeschichte war die materiell-körperliche Schönheit immer ein Aspekt der Wahrheit. In der antiken griechischen Philosophie ist das Wahre für sich alleine als abstrakte, unsichtbare Wahrheit unvollständig, so dass die Vollkommenheit sich eben nur in der Verbindung des Agathon, des Guten, der Wahrheit mit dem Kalon, dem Schönen, zeigte. Für Hegel bestimmt sich dialektisch das "Schöne ... als das sinnliche Scheinen der Idee" (14). So sehr also - wie in Kapitel 3 dargestellt - ein Mensch, der die Grenzen seiner Körperorientierung wahrnimmt, die Bedeutung seiner Seele und Gottes erkennen sollte, so ist in dialektischer Entsprechung der Körper ein konstitutiver Aspekt und ein notwendiges Element für Gott und für die Seele. Die Seele braucht den Körper, um mit dem Mitmenschen zu kommunizieren, um sich zu zeigen, sich darzustellen, sich zu manifestieren. Ganz konkret erkennen wir im modischen Stil der Kleidung, der Haare (Siehe oben Kapitel 1.) eines Menschen viel von seiner Persönlichkeit und Seele. Seele und Körper (Leib) stehen also in einer unauflöslichen Dialektik, wie auch das Körperlich-Materielle ein dialektisches Moment im absolut-unendlichen Gott selbst ist (Siehe oben.).

Daraus ergeben sich die folgenden Lebenstipps:
- Die einen (auch die so geprägte Minderheit unter den Schwulen), die ihren Körper bisher wenig beachtet und vernachlässigt haben (wie in Kapitel 4 kritisiert), sollten sich ihm zuwenden, ihn gegebenenfalls neu entdecken, weil die Körperlichkeit im ewigen Gott selbst verankert ist und so ganz praktisch - neben dem Glück einer geistlichen Beziehung zu Gott - eine Quelle der Freude ist und weil die Vergänglichkeit einer Sache kein Grund ist, sie zu unterlassen, solange man sich ihre Vergänglichkeit bewusst macht, weil auch der schöne Augenblick seinen Wert hat.
- Auf der anderen Seite brauchen Schwule (und Nichtschwule) mit starker Körperorientierung die (in Kapitel 3 dargestellte) seelisch-geistig-religiöse Dimension ihrer Person, sollten sie gegebenenfalls neu entdecken, um nicht durch die übersehene Endlichkeit und Vergänglichkeit ihres Körpers zu scheitern. Wenn sie ihren Körper und seine Schönheit genießen und diese vertiefte Erfahrung der Menschheit als Bereicherung anbieten, tun sie dies im Bewusstsein, dass es ein zeitlich begrenzter Genuss ist.

Man könnte etwas plakativ diese weise Lebenshaltung im Blick auf den am Anfang etwas stereotyp dargestellten körperorientierten Schwulen etwa so zusammenfassen: Ein gepflegter Schwuler, der seinen Körper in seiner Schönheit genießt, ihn in der Welt zeigt und damit die Mitmenschen ermutigt, sich ihrem Körper zuzuwenden, der aber gleichzeitig um die zeitliche Begrenztheit seiner körperlichen Freuden weiß und sich deshalb um seine Seele kümmert und nach Gott fragt.

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5. Die gewachsenen hetero- und homosexuellen Identitäten im Spiegel der gerade entwickelten Dialektik der Körperlichkeit

Nun stellt sich schließlich die interessante Frage, ob die in Kapitel 1 festgestellte überdurchschnittliche Körperorientierung der schwulen Mehrheit eine zufällige Tatsache ist oder ob sie sich notwendigerweise aus dem Wesen schwuler Identität im Verhältnis zur heterosexuellen Existenz ergibt.

5.1. Körper und Seele

Bedingt durch eine jahrhundertlange Verfolgungsgeschichte war es Queers, damit auch Schwulen, nicht möglich, feste, stabile Formen, Traditionen und Riten für ihre Beziehungen aufzubauen, denn der Verfolgungsdruck erlaubte in der Regel nur geheime, kurze Kontakte. Diese Kontakte betonten dann in der Regel die körperliche Sexualität des Augenblicks, den Geschlechtsakt (15), nach dessen Vollzug man auseinander ging. Die erste Wahrnehmung eines Menschen geschieht eben über den Körper, und die seelische Tiefe eines Menschen kann ich kaum wahrnehmen, wenn ich in Verfolgung unter Zeitdruck stehe. Natürlich gab es auch Ausnahmen, aber die Möglichkeit einer langen, tiefe Werte lebenden Partnerschaft war eben sehr erschwert. Die Möglichkeit, diese Werte zu leben, war angstfrei nur in einer nichtsexuellen (Männer-) Freundschaft möglich. Diese Verfolgungssituation dürfte eine plausible traditionsgeschichtliche Erklärung für schwule Körperorientierung und Körperkompetenz (16) sein und ist ein erstes Charakteristikum ihrer Identität. Natürlich entwickelte sich diese Körperorientierung nur in Kreisen der Schwulen, die ihre sexuelle Neigung auch lebten. Dass sich diese schwule Orientierung noch nicht sehr verändert hat, obwohl es seit einigen Jahrzehnten in vielen westlichen Ländern keine Verfolgungssituation mehr gibt, ist kein Gegenargument gegen meine These, denn solche Haltungen und Orientierungen verändern sich nicht in wenigen Jahren, zumal nicht, wenn sie sich über Jahrtausende aufgebaut haben.

Besonders verlogen ist es, wenn in diesem Zusammenhang Kreise, die Homosexualität abwerten und deren geistige Ahnen genau diese Schwulenverfolgung (die zur einseitigen Körperorientierung führte) in all den vergangenen Jahrhunderten unterstützten, eben diese Körperorientierung als "Sexbesessenheit" herabwürdigen, bzw. den Schwulen Promiskuität vorwerfen. Bei aller Würdigung des daraus folgenden besonderen Beitrages von Schwulen für Sexualität und Beziehung als "Körperexperten" wurde in Kapitel 3 in einer kritischen Betrachtung auf die Wichtigkeit des nichtkörperlichen, seelisch-geistigen Aspektes und des Aspektes von partnerschaftlichen Werten in Sexualität und Beziehung hingewiesen (Treue zum Partner, auch wenn die eigene Lust einen körperlich attraktiveren Menschen wahrnimmt; gegenseitige Absprachen und Ehrlichkeit; Kompromissbereitschaft um des Partners willen;....), zu denen richtig verstandene Körperlichkeit in einer dialektischen Beziehung stehen muss.

Indem die Welt (mit Ausnahme islamischer Länder und des Vatikan) in unterschiedlichem Tempo die Strafbarkeit und Verfolgung von Homosexualität abschafft und darüber hinaus gesetzliche Formen für queere Lebenspartnerschaften einrichtet, stellt sich die Frage, wieweit Queers nun auch die über die Körperlichkeit hinausgehenden Lebensformen und Traditionen für ihre Lebensweise entwickeln oder stärker betonen und wieweit sich damit ihr traditioneller Vorsprung bei der Körperlichkeit gegenüber dem seelisch-geistigen (auf Allgemeinheit ausgerichteten) Aspekt nivelliert und auch an den Rest der Gesellschaft angleicht.

Oder bleibt es als gutes Erbe schwuler Lebensweise, dass dieser auf Allgemeinheit ausgerichtete seelisch-geistige Aspekt bei Queers nie so einengend sein wird wie bei manchen klassischen Ehen (Sexualität ausgerichtet vor allem auf die Zeugung von Kindern; Dominanz des Mannes bei Konflikten; Rolle der Frau auf den Haushalt konzentriert; feste Rollenverteilung bei gemeinsamen Arbeiten; überwiegende private Lebenszeit im Nest/Haus verbracht; wenig Bereitschaft, über Konflikte zu reden, sondern im Konfliktfall Rückzug in die je eigenen Kreise von Ehefrau/-mann; Mann als Beschützer des Hauses/Familie; "man" lässt sich nicht scheiden, weil es sich nicht gehört, obwohl man sich das Leben zur Hölle macht. - Bei modernen Heterosexuellen sind diese Verhaltensweisen natürlich auch schon abgeschwächt.)? Interessant ist hierbei, dass mir eine Familienberaterin, die im Rahmen der evangelischen Kirche arbeitet, sagte, dass sie am besten bei queeren, also auch schwulen Partnerschaften, die psychodynamischen Strukturen einer Beziehung und ihrer Krisen beobachten kann, weil sie hier eben in ihrer Tiefe echt hervortreten, da die psychischen Grundmotive eben nicht durch einengende traditionelle Ehe-Verhaltensmuster verstellt und überdeckt sind, die sich im queeren Bereich traditionell nicht herausbilden konnten. Der emonzipierte katholische Theologe Dr.Wunibald Müller erwähnt: "Untersuchungen haben gezeigt, dass schwule und lesbische Paare viele Stärken haben: Sie teilen den Haushalt gerechter auf als heterosexuelle Paare. Sie sind weniger verletzend bei Auseinandersetzungen."(17) Werden sich vielleicht in queer-schwulen Kreisen ganz neue seelisch-geistige Formen (die zuallererst auf gegenseitiger Absprache und Ehrlichkeit beruhen) für Sexualität und Partnerschaft mit einer bleibenden Betonung von Körperlichkeit und Spontaneität bilden? (18)

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5.2. Körperliche Spontaneität und Verantwortung

Ein zweites Charakteristikum queerer Existenz ist in der Regel die Unmöglichkeit, Kinder zu bekommen. Wer Kinder großzieht, kann sich aber nicht mehr einseitig auf seinen Körper, die spontane, momentane, individuelle Lust konzentrieren (z.B. nicht mehr je nach spontaner Lust in die Disco gehen, ausgehen...), sondern muss aus der Verantwortung gegenüber dem Kind, für sich (und in der Regel den/die Partner/in) allgemeine, über den Moment hinausgehende Regeln und Formen bilden und damit einen Akzent auf den genannten seelisch-geistigen Bereich setzen: die Treue und alle anderen Versprechen zu halten, die man dem Partner gegeben hat, die man auch in Verantwortung vor den Kindern hat; auch in schwierigen Zeiten zueinander stehen und nicht gleich bei Problemen auseinandergehen... . Dieser seelisch-geistig-ethische Aspekt von längerfristiger Verantwortung in Partnerschaft und Sexualität ist eine wichtige Dimension menschlicher Existenz, ohne die jede Körperlichkeit unvollständig ist, wie oben in Kapitel 3 dargestellt. Hier haben häufig Heterosexuelle durch ihre Erziehungs- und Familienerfahrung Verantwortungskompetenz entwickelt, die Schwule bereichern kann. Natürlich gibt es auch Heterosexuelle mit geringem Verantwortungsverhalten, aber die Länge von Beziehungen bei Heterosexuellen ist doch nach wie vor im Durchschnitt höher als bei Queers.

Umgekehrt haben Queers aufgrund der Unfähigkeit, Kinder zu bekommen, eben mehr Möglichkeiten, den Akzent auf Körperlichkeit und Spontaneität zu setzen und dort besondere Kompetenzen zu entwickeln. Wichtig ist hier das Wort "Möglichkeit". Klassische schwule Identität bietet die Möglichkeit zu mehr Körperlichkeit. Ob der einzelne Schwule diese Möglichkeit zur Wirklichkeit werden lässt, hängt dann noch von seiner eigenen Entscheidung ab (19). So gibt es natürlich auch Schwule, die den Aspekt der Allgemeinheit betonen, und auch dieser Artikel ist ein Beleg dafür, denn so sehr ich hier die Praxis behandele, bewegt er sich als gedanklich-reflexive, abstrakt-nichtkörperliche Form natürlich im Bereich der Allgemeinheit.

Dieser zweite Punkt zeigt, wie sehr die verschiedenen Identitäten und Lebensformen symbiotisch-dialektisch aufeinander angewiesen sind. Ich habe oben geschrieben, dass die menschliche Seele den schwulen Körper braucht, nämlich die - gerade durch die Kinderlosigkeit ermöglichte - stärkere Körperkompetenz und die stärkere Konzentrierung auf Körper, Anschauung und Schönheit. Das lässt sich noch einmal konkret am hier behandelten Beispiel der (vor allem auch auf die Kinder bezogenen) Verantwortungshaltung zeigen. Auch sie kann sich in schlechter Weise vereinseitigen, wenn zum Beispiel Eltern ihr Leben nur noch auf ihre Verantwortung ausrichten, nur der Verantwortung wegen, der Kinder wegen zusammenbleiben, zwischen ihnen aber keinerlei körperliche Anziehung, keine Sexualität mehr praktiziert wird und sie zum Beispiel in getrennten Schlafzimmern übernachten. Hier kann gerade die - auch aus einer Einseitigkeit stark ausgeprägte - schwule Körperkompetenz solchen Eltern helfen, sich auch wieder um ihre körperliche Lust zu kümmern und darin neue Lebensfreude zu finden.

Kein Schwuler sollte aber Eltern verachten, die sich wegen der permanenten Sorge und Verantwortung für ihre Kinder nicht in diesem intensivem Maße um ihren Körper sorgen und ihn "hochstylen" können (wegen der Kinder vielleicht auch nicht das Geld dazu haben), denn der kinderlose Schwule ist symbiotisch-komplementär auf andere angewiesen, die Kinder bekommen und die somit den Erhalt der Menschheit garantieren. Letzteres ist ein klassisch konservatives Argument. Es enthält ein Wahrheitsmoment, das auch ein emanzipierter Schwuler nicht übersehen sollte.

Die Wahrheit dieses Argumentes ist aber entstellt, wenn es von nicht wenigen Konservativen und natürlich Faschisten als Argument gegen Schwule verwendet wird, in dem Sinne, dass, weil sie durch ihre Lebensweise keine Nachkommenschaft zeugen könnten, ihre Existenz abzulehnen und zu bekämpfen wäre. Der homophobe Kritiker übersieht die aus der erzwungenen Einseitigkeit schwuler Lebensweise hervorgehende Stärke im Bereich spontaner Körperkompetenz, die der Menschheit komplementär einen wichtigen Beitrag leistet. Er übersieht auch, dass die Qualität vieler stark mit Körperlichkeit und kreativer Spontaneität verbundener Berufe (Friseur, Tänzer, Schauspieler, Modedesigner, s.o. Kapitel 1) absinken würde, wenn nicht Schwule ihre darin liegenden Stärken einbringen würden, die mit der Einseitigkeit ihrer Lebensform und Identität gerade zusammenhängen.(20)

Allerdings trifft dieses zweite Charakteristikum queerer Identität natürlich genauso auch auf kinderlose Heterosexuelle (Singles oder Paare) zu. Wenn - nicht nur durch Adoptionen - Kinder vermehrt auch von Queers (Singles oder Paaren) großgezogen werden, wird sich auch dieses Identitätsmerkmal - ähnlich wie das erste (s.o.) abschwächen. Es wird aber wahrscheinlich nicht ganz verschwinden, weil Queers auch in Zukunft vermutlich weniger Kinder großziehen werden als Heterosexuelle.

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6. Ausblick in die Zukunft

So dürfte es spannend sein, zu beobachten, wieweit sich durch die postmoderne Auflösung fester Gruppenidentitäten (hier konkret zum einen die durch Verfolgungsdruck und zum anderen die durch erzwungenen Kinderlosigkeit geprägte schwule Identität) letztlich auch die aus solchen Identitäten erwachsene schwule Körperorientierung abschwächt oder ganz auflöst. Auf die lesbische und andere queere Identitäten bin ich hier weniger eingegangen als auf Schwule, weil dort noch einmal eine besondere Betrachtung über den Stellenwert der Körperorientierung nötig wäre.

Insgesamt ist es wünschens- und hoffenswert und ein Gebetsanliegen für eine friedliche, humane, versöhnte und weise Menschheit, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass,

Anmerkungen

1) Güntert, Andreas; Martl, Michael; Schenk,Thomas: Homosexuelle, in: Facts 22/2000 (Zürich), 84-93, 89 (= Homosexuelle).

2) Ebd., 90.

3) Ebd., .90.

4) "Ob Yves Saint Laurent, Gianni Versace, Giorgio Armani, John Galliano, Alexander McQueen oder die Lesbe Jil Sander: Die Homosexuellen stellen die erfolgreichsten Designer der letzten Jahrzehnte und prägen so den Geschmack der Masse." (Ebd., 89)

5) Der schwule Konsument. Repräsentative Grundlagenstudie 2001. Kurzfassung, Köln 2001, 16.
Ziel der repräsentativen Studie ist es, festzustellen, "inwieweit bestehende Klischees über Einstellungen, Verhalten und Konsumgewohnheiten von Schwulen aufrecht erhalten werden können und in welchen Punkten sich homosexuelle Männer von ihren heterosexuellen Zeitgenossen bzw. von der Gesamtbevölkerung tatsächlich unterscheiden." (Ebd., 3)
Die im Text zitierte Aussage beruht auf der differenzierten Unterscheidung von 5 Typen von Schwulen, wobei vor allem der hedonistisch-trendorientierte und der markenbewusst-karriereorientierte Typ, die zusammen knapp die Hälfte der Schwulen umfassen, überdurchschnittlich körperorientiert sind und damit den Gesamtschnitt der Schwulen als weit körperorientierter als den durchschnittlichen Hetero erweisen.
(Die Studie in der obengenannten Kurzfassung,

6) Artikel "condomi AG, gofelix und BBDO Consulting legen erste repräsentative Grundlagenstudie über den schwulen Konsumenten vor" vom 6.8.2001, zu finden in: http://www.presseportal.de/story.htx?nr=271399&firmaid=21862) (von news aktuell, Hamburg (http://www.newsaktuell.de))

7) Homosexuelle, 90.

8) Ratzinger, Joseph Cardinal; Amato, Angelo: Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen (Kongregation für die Glaubenslehre. Dokumente zur Doktrin), Rom 2003.

9) "Lebt ein Mitglied der Gemeinde mit Überzeugung seine Homosexualität aus, soll es zur Umkehr gerufen werden. Ist es nicht bereit, von diesem Weg abzulassen ..., soll mit ihm wie mit jedem anderen Gemeindeglied umgegangen werden, dass bewusst in der Sünde verharrt (Mt 18)." Homosexualität und christliche Gemeinde. Eine seelsorgerliche Orientierung (verabschiedet auf der Mitgliederversammlung des evangelikal-freikirchlichen Verbands der Pilgermission St.Chrischona, 4.12.1998), , 7. (zu finden unter: http://new.chrischona.ch/files/906.pdf)

10) Thielicke, Helmut: Theologische Ethik, Bd.3, 2.Aufl. Tübingen 1968, 789.

11) Ebd., 804.

12) Moser,Tilman: Lehrjahre auf der Couch. Bruchstücke meiner Psychoanalyse, Frankfurt 1981, 204f.

13) Origenes, Contra Celsum, 1,32.

14) Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Vorlesungen zur Aesthetik, Abschnitt "Die Idee des Schönen", I, 144.

15) So vergleicht die chinesische Transsexuelle Jin Xing ihre sexuellen Erfahrungen mit schwulen Männer und später als Frau mit heterosexuellen Männern: "Wie sehr sie mich beflügelt, diese erste Liebe in meinem Leben als Frau, wie anders sie ist als die Begegnungen mit den Schwulen, die ich kannte, die immer so eilig zur Sache kamen und sich nicht mit Zärtlichkeiten aufhielten. Ein Mann, der eine Frau verführt, verhält sich anders; er macht ihr den Hof, er lässt sich Zeit." (Xing,Jin: Shanghai Tango. Mein Leben als Soldat und Tänzerin, München 2006, 195. Ein Klick auf diesen Satz leitet Sie zu einer Rezension dieses Buches weiter.)

16) Wir finden dasselbe Phänomen, dass eine Minderheit unter Verfolgungsdruck bestimmte Spezialfähigkeiten entwickelt z.B. auch beim Judentum, das überdurchschnittlich viel Wert auf Bildung legte und weit überdurchschnittliche viele Nobelpreisträger hervorbrachte, um durch Qualität die quantitative Unterlegung wenigstens zum Teil auszugleichen.

17) Müller,Wunibald: Größer als alles aber ist die Liebe. Für einen ganzheitlichen Blick auf Homosexualität, Kevelaer 2014 (=Müller), 33

18) Ich wage zu bezweifeln, ob die offene Beziehung ein solches Modell sein wird, das z.B. in folgendem Buch empfohlen wird: Schulze, Micha; Scheuß, Christian: Fremdgehen macht glücklich. Neue schwule Lebens- und Liebesformen, Berlin 2004.

19) Vergleiche oben in Fußnote 5 die Unterscheidung der Schwulen in 5 Typen, von denen vor allem 2 Typen die beschriebenen Möglichkeit zur Körperorientierung auch verwirklichen und über dem Bevölkerungsdurchschnitt betonen.

20) Aus einem anderen Bereich der Berufswelt kennen wir auch die Stärke einer Einseitigkeit, die auf den ersten Blick nur als Nachteil gesehen wird: Ein Kurzsichtiger sieht bekanntlich in der Ferne schlecht, weil er sozusagen Augen ähnlich einer Lupe hat. Für einen Uhrmacher z.B. oder Feimechaniker ist diese Kurzsichtigkeit gerade von Vorteil, weil er ohne Brille mit lupenähnlichen Augen die Kleinteile einer Armbanduhr besser sehen kann.
Diese Gedanken entsprechen einem sehr modernen Grundsatz der Personalführung in Unternehmen, dem Diversity-Konzept, das besagt, dass man in einem Team möglichst viele unterschiedliche, auch einseitige Mitarbeiter haben sollte, weil die positive Kehrseite ihrer Einseitigkeit oft besondere, herausragende Fähigkeiten sind, die niemand im Team sonst hat.

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